Deutsche Staatsangehörigkeit Geschichte: ZEIT im Check
Thema: Deutsche Staatsangehörigkeit Geschichte

Wenn Politikjournalismus Passgeschichte erklärt.
“Wer ist deutsch?” ist eine berechtigte Frage. Aber verdient sie eine historische Antwort oder eine politische?
Heinrich Wefings Beitrag in der ZEIT liefert beides, ohne dies klar zu trennen. Wer den Text als politischen Kommentar liest, findet solide Argumentation und treffende Gegenwartsdiagnose. Wer ihn als historische Analyse der deutschen Staatsangehörigkeit und ihrer Dokumente liest, stößt auf auffällige Lücken, terminologische Ungenauigkeiten und eine Auswahl von Belegen, die der politischen These folgt, nicht der historischen Vollständigkeit.
Als Passhistoriker habe ich den Artikel mit gemischten Gefühlen gelesen. Die abgebildeten Dokumente, die Passkarte von 1852, der Staatsangehörigkeitsausweis Hitlers von 1932, die Kennkarte mit dem aufgestempelten “J”, die moderne Einbürgerungsurkunde von 2021, erzählen für sich genommen eine faszinierende Geschichte. Aber sie erzählen sie unvollständig.
Das fehlende Herzstück: Der Reisepass des Deutschen Kaiserreichs

Ein Reisepass des Deutschen Kaiserreichs fehlt im Beitrag vollständig. Die Reichsgründung 1871 war der entscheidende Schritt zur erstmaligen reichsweiten Standardisierung von Reisepässen und Staatsangehörigkeit. Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1870/71 schuf erst die rechtliche Grundlage dafür, wer einen deutschen Pass erhalten konnte und wer nicht. Beides ist untrennbar verbunden: ohne Staatsangehörigkeit kein Pass, ohne Pass keine nachweisbare Staatsangehörigkeit.
Dieser Zusammenhang ist für das Verständnis der Geschichte des deutschen Reisepasses grundlegend und hätte in einem Geschichtsmagazin nicht fehlen dürfen.
Terminologische Ungenauigkeit: Die Passkarte von 1852
Stattdessen wird eine Passkarte von 1852 abgebildet und im Fließtext als “Passierschein” bezeichnet. Das ist terminologisch ungenau: Die Bildunterschrift selbst verwendet korrekt den Begriff “Passkarte”. Das Dokument entstammt dem Deutschen Bund, einem Staatenbund ohne einheitliche Staatsangehörigkeit, und illustriert damit gerade die Rechtszersplitterung vor der Reichsgründung. Als Beleg für eine spätere Standardisierung ist es ungeeignet.
Für Sammler historischer Reisedokumente und Passhistoriker ist dieser Unterschied nicht trivial: Passierschein, Passkarte und Reisepass sind verschiedene Dokumententypen mit unterschiedlichen Rechtsfunktionen und Ausstellungsbehörden.
Die vergessene Parallelgeschichte: DDR-Reisedokumente und Staatsbürgerschaft
Ebenfalls weitgehend unberücksichtigt bleibt die Staatsbürgerschaft der DDR, ein eigenständiges und vielschichtiges Kapitel der deutschen Identitätsgeschichte. Die DDR erließ 1967 ein eigenes Staatsangehörigkeitsgesetz und erkannte die westdeutsche Staatsbürgerschaft ausdrücklich nicht an. Die BRD hingegen bestand auf einer gemeinsamen deutschen Staatsbürgerschaft für alle Deutschen.

Diese Parallelexistenz zweier konkurrierender Staatsangehörigkeitskonzepte von 1949 bis 1990 ist für die Frage “Wer ist deutsch?” hochrelevant. DDR-Bürger konnten nach bundesdeutscher Rechtsauffassung jederzeit einen westdeutschen Reisepass erhalten. Dass sie diesen bei bundesdeutschen Stellen hinterlegen mussten, während sie den DDR-Pass nutzten, zeigt die praktische Absurdität dieser Rechtslage. Der Artikel erwähnt diese für historische Reisedokumente höchst relevante Episode mit keinem Satz. Auch die politisch motivierten Ausbürgerungen in der DDR, etwa der Fall Wolf Biermann 1976, hätten erwähnt werden können.
Was bleibt: Ein lesenswerter Essay mit falschem Etikett
Die Nürnberger Gesetze und der systematische Entzug der jüdischen Staatsbürgerschaft gehören unbedingt in diesen historischen Kontext. Hier ist dem Artikel keine Lücke vorzuwerfen.
Der Kern des Beitrags, die Entwicklung der deutschen Staatsbürgerschaft, wird durch zahlreiche tagespolitische Bezüge überlagert: AfD, NPD-Verbotsverfahren, JD Vance und “Heritage Americans”. Diese Bezüge mögen aktuell sein, sprengen jedoch den Rahmen eines Geschichtsmagazins. Ein politischer Kommentar ist ein legitimes Format. Er sollte aber als solcher kenntlich gemacht werden, nicht unter dem Label historischer Berichterstattung erscheinen. Wefing ist Co-Leiter des Politik-Ressorts der ZEIT, kein Historiker. Das erklärt die Perspektive, rechtfertigt sie im vorliegenden Kontext aber nicht.
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Tom Topol | Passport History Expert & Author.
Featured in media incl. CNN, BBC, Newsweek. Awarded by the U.S. Department of State.
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