One Of The Last Visa Issued At The French Embassy In East Berlin 1990

One Of The Last Visa Issued At The French Embassy In East Berlin 1990

This document is an East German passport with one of the last visas of the French Embassy in East-Berlin. This visa was issued in June 1990, valid only for five days and came at a fee of 60 FF, which was then about $10. The bearer got his travel document in February 1990, and just four months later he got his French visa on 22 June 1990. At this time East Germany was still existing, but the wall was open. Another four months later Germany was reunified.

One Of The Last Visa Issued At The French Embassy In East Berlin 1990

One Of The Last Visa Issued At The French Embassy In East Berlin 1990

After France recognized the German Democratic Republic (GDR) in 1973, an embassy was established at Unter den Linden 40, next door to the FDJJoëlle Timsit was appointed French Ambassador to the GDR on 12 March 1986, and she should become the last French ambassador in this post. The embassy looked after about 2000 French citizens. The French embassy closed on 2 October 1990, one day before Germany’s reunification on 3 October 1990.

ADN-ZB Zimmermann-30.12.87-Berlin: Exchange of Notes- The Deputy Minister for Foreign Affairs of the GDR, Kurt Nier (front right) and Ambassador Extraordinary and Plenipotentiary of the French Republic in the GDR, Ms. Joelle Timset (left), exchanged notes in Berlin on the handover of a collection of historical documents by the GDR to the French Republic.

Interview with Joëlle Timsit, Ambassador retired, Paris, October 2014 (in German)

1 – Sie waren von 1986 bis 1990 die französische Botschafterin in Ostberlin. Vielleicht als ein kleiner Einstieg : Was waren (außer dem 9. November 1989) die Erlebnisse in diesen vier Jahren, an die Sie sich besonders gern erinnern ?

Das waren natürlich viele. Wenn ich mal vom 9. und 10. November absehe, dann erinnere ich mich vor allem gern an die Bilder aus der Zeit genau vor bzw nach dem
Fall der Mauer:

– die Feier anläßlich des 200. Jahrestages der Französischen Revolution am 14. Juli 1989 in der Residenz der französischen Botschafter, bei der die Mitglieder des Politbüros die traditionellen Regeln des Protokolls verließen. Aus dem protokollarischen/ritualisierten Gespräch mit dem Botschafter wurde eine ganz normale Unterhaltung am Rand der im Garten aufgebauten Tanzfläche. An diesem Tag hielten sie es auch nicht für nötig, sich in einer kollektiven Bewegung alle zusammen und im gleichen Augenblick am Ende dieses Gesprächs zurückzuziehen, wie sie es vorher immer taten…

– das unglaubliche Essen am Abend des 7. Oktober im Palast der Republik anläßlich des 40. Jahrestages der DDR, an dem neben Gorbatchow, Daniel Ortega, Ceaucescu, Yasser Arafat viele weitere Staatsoberhäupter und Regierungschefs befreundeter Länder teilnahmen und auf dem die geladenen Botschafter Zeugen merkwürdiger Aktivitäten einiger Gäste – besonders Erich Mielke – wurden, die von Tisch zu Tisch gingen und aus dem Fenster schauten. Die Atmosphäre war so ungewöhnlich und angespannt, dass mein Tischnachbar, der Botschafter Polens, mir zuflüsterte : ʻWir erleben den Untergang der Titanic.ʼ Als ich dann den Palast der Republik verließ, stellte ich fest, dass ich drin tatsächlich das Geräusch der vor dem Haus versammelten protestierenden Menschen gehört hatte. Wieder zurück in der Botschaft haben mich dann meine Mitarbeiter darüber informiert, was sie selbst vor Ort während der Demonstration gesehen hatten und am nächsten Tag habe ich sofort meine Gesprächspartner bei der Evangelischen Kirche befragt.

– das Konzert am Weihnachtsmorgen 1989 im Schauspielhaus, auf dem Leonard Bernstein die 9. Symphonie von Beethoven dirigiert und bei dem die « Ode an die Freude » vielen Menschen im Saal die Tränen in die Augen treibt– egal ob sie Reformer im Sinne von Gorbatschow waren oder Vertreter der Bundesrepublik
Deutschland…

– die Silversternacht nach dem Mauerfall, als ich zum ersten Mal, zusammen mit der Menschenmenge, auf der Straße Unter den Linden das Feuerwerk zum Jahreswechsel sah und mich daran erinnerte, dass ich in der Vergangenheit immer den Eindruck hatte, dass die im Osten und Westen gezündeten Feuerwerke sich irgendwie unterhielten. Ich empfand geradezu körperlich diesen Augenblick der Einheit.

– Ich erinnere mich auch noch sehr deutlich an den Besuch des Französischen Präsidenten François Mitterrand im Dezember 1989 und dabei besonders an seine Gespräche und Reden in Leipzig, vor allem vor den Studenten, die den Hörsaal, in dem der Präsident sprechen sollte, zum Bersten füllten und sogar auf den Stufen vor seinem Rednerpult saßen. Und ich werde auch nicht die beeindruckende Begegnung zwischen dem Präsidenten und Kurt Masur vergessen, der zusammen mit 5 anderen – darunter 3 lokalen SED-Funktionären – am 9.Oktober über Lautsprecher zur Gewaltlosigkeit aufgerufen hatte. Dieser Aufruf – da sind sich heute alle einig – soll Egon Krenz dazu bewegt haben, keine Gewalt anzuwenden. Und wie sollte ich mich heute nicht mehr daran erinnern, wie der Präsident in der Nikolai- und der Thomas-Kirche war ; die eine als Ursprung und Symbol der Demonstrationen, die seit Monaten unter dem Schutz der Pfarrer Führer und Magirius von dort ausgingen und die andere mit der Grabstätte Johann Sebastian Bachs, wo Pfarrer Ebeling lange Zeit gewirkt hatte.

– Ich denke auch immer noch oft an die großen Momente unserer kulturellen Arbeit in der DDR, die dank des Centre culturel möglich waren. Es war das einzige westliche Kulturzentrum in (Ost)Berlin und der DDR. Frankreich hatte im Vorfeld sehr auf seine Errichtung gedrängt und wir mussten beständig um den Handlungsspielraum des Zentrums kämpfen. Ich will hier nur die Veranstaltungen nennen, die mich besonders beeindruckt haben : das Gespräch zwischen Heiner Müller und Patrice Chéreau, Roger Planchon, Marcel Maréchal in der Volksbühne, der berauschende Empfang für Léo Ferré, Georges Moustaki, Gilbert Bécaud, Isabelle Aubret und Anne Sylvestre, als sie im Centre culturel auftraten, bevor sie später auch an anderen Spielstätten eingeladen wurden.

– Neben dem Konzertsaal verfügte das Centre culturel auch über eine – kleine – Galerie, in der berühmte Fotografen ausgestellt wurden wie Cartier-Bresson, Man-Ray, Doisneau und sogar Kudelka, der gerade die französische Staatsbürgerschaft erhalten hatte und hier ein oder zwei seiner Fotos der Ereignisse in Prag 68 ausstellte, wobei wir da unsere Möglichkeiten bis in den Grenzbereich hinein ausreizten.

– Ich kann hier nicht alle Philosophen, Schriftsteller, Historiker und Experten für Politologie und Soziologie aufzählen, die im Centre culturel gesprochen haben, aber ich möchte jenen einen besonderen Platz einräumen, die vor dem Fall der Mauer eine politische Botschaft ausgesendet haben : Alfred Grosser 1987, Serge July 1988, Alain Minc und Jean Daniel 1989 sowie der Medienwissenschaftler Jacques Séguéla, dessen Besuch am 19. Mai 1989 sich mir tief eingeprägt hat : er war aus Warschau gekommen, wo er am polnischen Wahlkampf teilgenommen hatte. Und er trug das Abzeichen von Solidarnosc am Kragen und bot seinen Hörern seine Hilfe an, wenn sie diese eines Tages benötigen würden…

2 – Wie war Ihre Lebenssituation damals : Waren Sie mit Familie in Ostberlin ? Wo war Ihre Familie ? Wie groß war Ihr Mitarbeiterstab ? Worin bestand Ihre Hauptarbeit in diesen Wochen und Monaten vor und nach dem 9. November 1989 ? Was war Ihnen wichtig?

Meine Familie war auf Paris, Toulouse, Braunschweig und Berlin verteilt – mein Mann war Professor an der Universität Paris I Panthéon-Sorbonne und während der vorlesungsfreien Zeit in Berlin. Mein Sohn studierte an der Schule für zivile Luftfahrt in Toulouse und verbrachte 1989 ein Erasmus-Jahr an der Institut für Luftfahrttechnik in Braunschweig, so dass er von Zeit zu Zeit nach Berlin kommen konnte. Unsere Botschaft war nicht sehr groß. Nur ein sehr kleines Team war mit der politischen Arbeit betraut und arbeitete fast täglich mit der Kultur- und der Wirtschaftsabteilung zusammen. Die Konsularabteilung befasste sich vor allem mit den Visaanträgen und den Angelegenheiten der kleinen französischen Gemeinschaft. Und was meine Arbeit in den Wochen vor und nach dem 9. November angeht, so unterschied sie sich nicht von der normalen Arbeit einer Botschaft :

– so gut wie möglich über das Land zu informieren, in das man entsendet ist
– die Interessen Frankreichs zu vertreten.

Die Veränderungen im Sommer und Herbst 1989 verlangten natürlich von uns, eine sich beständig beschleunigende Situation zu verfolgen, was bedeutete so viele Kontakte wie möglich zu haben, Paris täglich zu informieren und immer mehr Besucher zu empfangen (Politiker und zahlreiche Journalisten). Wir hatten aber immer viel Wert auf die Zivilgesellschaft gelegt und ich habe immer versucht, den Vertretern Frankreichs während ihres Aufenthaltes in Berlin – unabhängig von ihren Betätigungsfeldern – in der Botschaft die Gelegenheit zu geben, sich mit ostdeutschen Gesprächspartnern zu treffen, die nicht nur die offizielle Meinung vertraten. Das Centre culturel, dem ich immer viel Aufmerksamkeit gewidmet habe, hat mich dabei sehr unterstützt. Ich habe Kontakte mit Otto Reinhold, dem Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, und Helmut Koziolek, dem Direktor des Zentralinstituts für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK der SED, geknüpft sowie sehr schnell nach meiner Ankunft in Berlin den Kontakt zur Kirche und dort besonders zur Evangelischen Kirche gesucht. Natürlich stellte die massive Abwanderung von Ost-Deutschen in Richtung Bundesrepublik Deutschland über Ungarn und die CSSR einerseits und die Herausbildung vieler oppositioneller Gruppen andererseits eine beständige Herausforderung für die Botschaft dar. Vor allem war es notwendig sich immer wieder auf neue Gesprächspartner einzulassen.

3 – Wußten Sie eigentlich schon vor dem 9. November, dass die Mauer fallen wird?

Nein, und vor allem nicht, in welcher Weise, zu welchem Zeitpunkt, und unter welchen Rahmenbedingungen. Weil ich als junge Diplomatin in Bonn war, als die Hallstein-Doktrin allmählich aufgegeben wurde, weil ich später von Paris aus den spektakulären Wandel der bundesrepublikanischen Ostpolitik durch Willy Brandt und die Entstehung vieler Abkommen verfolgt hatte (insbesondere der Moskauer und der Warschauer Vertrag, das Viermächteabkommen über Berlin und der Grundlagenvertrag) und weil ich in der Europa-Abteilung des Ministeriums Karriere gemacht hatte, waren mir die Entwicklung des Kalten Krieges und in diesem Kontext die Fragen in Bezug auf Deutschland als Ganzes und Berlin vertraut. Als ich im Mai 1986 in Berlin ankam, war ich von der Kraft und der praktischen Unumkehrbarkeit der deutsch-deutschen Annäherung überzeugt. Meiner Meinung nach würde die deutsche Frage eine Lösung finden, allerdings hatte ich– ebenso wie viele andere – keine konkreten Vorstellungen hinsichtlich deren Form oder ihres zeitlichen Ablaufs. Ich war aber sicher, dass das Ziel der Neuen Ostpolitik – die Mauer durchlässig zu machen – schon zu großen Teilen erreicht und eine weitere positive Entwicklung absehbar war (mit allen Höhen und Tiefen). Deshalb habe ich nach meiner Ankunft in Berlin – das war also ein Jahr nach der Machtübernahme durch Gorbatschow – geschrieben, dass sowohl Bonn als auch Moskau die Situation in Ostdeutschland dominierten – die D-Mark war fast zu einer zweiten Währung geworden. Hinter der glatten und stabilen Fassade der DDR konnte man schon ein leichtes « Beben» ausmachen, das von der geschickten pragmatischen Politik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der DDR genährt wurde und mit der Wirkung der Schlussakte von Helsinki zusammentraf (und die sich stärker auf die Befreiung der Länder des Ostblocks auswirkte, als es der Westen zuerst gehofft hatte). Aber erst die neuen Ansichten von Gorbatschow sollten zu dieser grundsätzlichen Veränderung im Sommer und Herbst 89 führen. Trotz der Vorzeichen dafür, dass das neue Denken Gorbatschows immer weiter um sich griffen, war es den Behörden der DDR bis zum Frühjahr 1989 gelungen, dieses « Beben» zu kontrollieren und zwar obwohl sich die wirtschaftliche Situation immer mehr verschlechterte. Zu den Vorzeichen gehörten :

– Protestschilder auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin-Brandenburg im Juni 1987,
– Rufe nach Gorbatschow zu Pfingsten 1987 vor der Sowjetischen Botschaft, als junge Rocker versuchten, von der Ostseite des Brandenburger Tores aus dem vor dem Reichstag organisierten Konzert zuzuhören,
– die Vorfälle in der Zionskirche im Dezember 87,
– die Demonstrationen zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Januar 1988 und 1989

Zu der Bandbreite der Kontrollmaßnahmen durch die DDR-Behörden gehörte einerseits die starke Einbindung der Stasi und die Ausweisung der widerspenstigsten Bürger in die Bundesrepublik Deutschland, aber auch eine großzügigere Handhabung der Reisewünsche in den Westen, wobei die DDR hoffte, auf diese Weise die Anzahl der endgültigen Ausreiseanträge zu verringern. Aber sie unterschätzten den Einfluss der Veränderungen in den Nachbarländern. Als ich Hans Modrow in Dresden am 20. April 1989 traf, sagte er zu mir : « Gott bewahre uns vor den Veränderungen, die gerade in Polen und Ungarn stattfinden ! » In diesem Zusammenhang änderten zwei Ereignisse die Lage Anfang Mai 89 : die Ankündigung Ungarns, die Reisefreiheit zwischen ihrem Land und Österreich zu gestatten und die Fälschung der Wahlergebnisse in der DDR vom 7. Mai – was eine Absage an die Politik der Transparenz von Gorbatschow bedeutete und die Ereignisse vom Sommer 89 auslöste. Der Wunsch nach Transparenz und nach Reformen trieb die oppositionellen Gruppen an, der Wunsch, die DDR zu verlassen, wurde nun vor der Weltöffentlichkeit sichtbar und die DDR war mit dem selben Problem konfrontiert, das 1961 zum Bau der Mauer geführt hatte. Dadurch wurde die Grundlage für die Existenz dieses Staates in Frage gestellt.

4 – Sie wohnten ja in Ostberlin. Wie erlebten Sie ʻals Privatpersonʼ auf der Straße, in den Läden, die Wochen um den 9. November?

Die Straßen und Geschäfte Berlins haben sich nach dem 9. November – außer in dem Bereich direkt an der Mauer – nicht verändert. Erst später und besonders am Tag vor der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990 wurde die Veränderung augenfällig.

5 – Bewegten Sie sich als ausgewiesene Germanistin und Osteuropaexpertin damals auch in den Kulturszenen, in der Literaturszene, zum Beispiel ? Was beeindruckte, was faszinierte Sie?

Als ich in der DDR ankam, war ich mir sicher, dass ich dieses Land nie verstehen würde, wenn ich mich nicht für die Lebensumstände der Einwohner interessiere. Ich habe also damit begonnen, mich zuerst für das zu interessieren, was Sie die ostdeutsche Kulturszene nennen. Einige Schriftsteller der DDR haben mir sehr dabei geholfen, die Geschichte dieses Landes zu verstehen, dessen Bewohner seit 1933 immer unter verschiedenen Diktaturen gelebt hatten : Stephan Hermlin (der früher Sekretär von Aragon war), Christa Wolf, Stephan Heym, Christoph Hein, von dem ich « Drachenblut » gelesen hatte, bevor ich nach Berlin ging und der mir wirklich eine Einführung in die real existierenden DDR von 1986 gegeben hat. Und natürlich bin ich oft ins Theater gegangen – und zwar nicht nur, um die Stücke von Brecht anzuschauen, sondern weil ich die Entwicklung hin zu einer größeren künstlerischen Freiheit millimetergenau verfolgen wollte. Außerdem war es durchaus möglich, den Kunstgenuß mit der Politik in Übereinstimmung zu bringen. Dabei denke ich an meine Treffen in Leipzig mit Werner Tübke und Bernhard Heisig. Im Atelier von Heisig sah ich im Herbst 1986 den Entwurf zum Porträt von Helmut Schmidt, an dem er gerade arbeitete.

6 – Empfanden Sie die Situation als revolutionär?

Wenn man unter einer « Revolution » den Umsturz einer Staatsmacht versteht, dann war die Situation revolutionär. Aber diese Revolution hatte auf jeden Fall zwei Gesichter : das der Flüchtigen, die um jeden Preis die DDR verlassen wollten und das der Oppositionsgruppen und der neu gegründeten Parteien, die die Staatsmacht stürzen wollten, um sie zu reformieren. Manche haben das Wort « Revolution » gebraucht und sich auf die niedergeschlagene Revolution von 1848 bezogen sowie auf die französische Revolution. Eine Position, die sich auch 20 Jahre später noch in einer Rede von Werner Schulz, damals Mitglied des Europäischen Parlaments und einer der besten Redner des Bündnis 90, wiederfindet, die er in Leipzig zum 20. Jahrestag des 9. Oktober gehalten hat. Die sich ständig ausweitenden Demonstrationen in Leipzig, die auf das gesamte Gebiet der DDR übergriffen sowie die große Kundgebung in Berlin am 4. November, an der ca 1 Million Menschen teilnahmen, beweist, dass es kurz vor der Öffnung der Mauer eine revolutionäre Phase gab, die mit den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 endete.

7 – Ihr Büro war Unter den Linden 40. Und Sie waren in erster Linie natürlich für die 2000 französischen Staatsbürger verantwortlich, die in der DDR lebten.

Wie Sie schon sagen, war die französische Gemeinschaft nicht sehr zahlreich und über das gesamte Gebiet der DDR verteilt. Da sie immer gern in die Residenz des Botschafters zum Nationalfeiertag kamen, habe ich sie auch zum Jahresende ins Centre culturel eingeladen – zu einem Film und einem Empfang. Auf Einladung des in Berlin weilenden Präsidenten erhielt die französische Gemeinschaft im Dezember 89 wieder eine Einladung. Der große Saal des Kulturzentrums war überbordend voll und wir wurden mit Blumen überhäuft, die unsere Gäste dem Präsidenten mitbrachten. Es war ein großes Fest.

8 – Gab es Kontakte zu den Bürgerrechtlern?

Wie ich schon weiter oben gesagt habe, hat die Botschaft sofort den Kontakt zu den wichtigen Personen der Opposition gesucht – ich will hier nur die Bekanntesten nennen : Bärbel Bohley, Jens Reich, Konrad Weiss, Rainer Eppelmann sowie zu den Gründungsmitgliedern der neuen Parteien. Einige von ihnen, wie Schnur und Böhme waren zuerst Gesprächspartner von französischen und deutschen Politikern. Im Kontext der Wahlen vom 18. März 1990 stellte man bei einigen fest, dass sie von der Stasi manipuliert worden waren.

9 – Wie verliefen damals, 1989, die Kommunikationsströme zwischen Ihnen und anderen Institutionen? Zum Beispiel die Kommunikation mit anderen Botschaften.

Die Öffnung der Mauer hat weder die bilateralen noch die multilateralen Kontakte der Botschaft verändert.

10 – Was bedeutet Diplomatie in einer solchen Situation?

Die Ereignisse in der DDR nahmen uns vollkommen in Anspruch. Die sensibelste Phase war dabei sicherlich die Zeit, in der meine Mitarbeiter die Entwicklung der Demonstrationen in Leipzig und Berlin beobachten mussten. Nach der revolutionären Phase hat die Botschaft vor allem versucht, Vertretern aus Politik und Wirtschaft Frankreichs den Zugang zu den neuen Gegebenheiten einer DDR zu erleichtern, die sich in Richtung der deutschen Einheit entwickelte. Außerdem haben wir den Besuch der französischen Minister für Europäische Angelegenheiten und für Industrie vorbereitet sowie den Besuch des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, in Frankreich im Juni 1990.

11 – Gehörte diese Zeit zu den spannendsten Erfahrungen in ihrer Botschafter-Laufbahn ? Wohin hat es Sie danach ʻverschlagenʼ?

Ganz ohne Zweifel. Das war die spannendste Zeit in meinem Berufsleben. Ich bin dann wieder nach Paris zurückgegangen, zuerst ins Ministerium und im Mai 1991 als diplomatische Beraterin ins Kabinett von Ministerpräsidentin Edith Cresson. In dieser Funktion hatte ich das Glück, auf Einladung von Richard von Weizsäcker am Staatsbesuch des französischen Präsidenten in den Neuen Ländern teilzunehmen.

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